Auszug aus dem Artikel   Von wegen Stammtischniveau
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG    DIENSTAG, 3. MÄRZ 2015

Die Apfelweinliebhaber


"Frankfurter Drogenszene", freitags um 18.30 Uhr in Apfelweinkneipen

Von Leonie Feuerbach


Eigentlich ist der Apfelwein ein gesundes Getränk, da sind sich Michael Engel und seine Stammtischkollegen einig. Er sei vergleichsweise alkoholarm, man kenne ihn mischen, und er fördere die Verdauung. Weil das Stöffche aber doch bewusst seins verändernd ist, nennen sie ihren Stammtisch „Frankfurter Drogenszene“. Seit 25 Jahren treffen sie sich jede Woche in verschiedenen Apfelweinkneipen in und um Frankfurt. Traditionen muss man halt pflegen“, sagt Engel. Am Anfang sprachen sie oft über Siemens, wo sie alle einmal gearbeitet haben. FAZ Atikel Als Jürgen Neumann und Hans Puchtinger dazu kamen, ging es früher um Politik - Puchtinger war jahrelang bei der SPD aktiv, zu Letzt als Ehrenstadtrat in Groß-Karben. Neumann grummelt: "Gerechtigkeit hilft doch nur, dass einem in die Tasche gegriffen wird." Und inzwischen, sagt Michael Engel, seien sie thematisch bei den Krankheiten angekommen. "Wer in unserem Alter nichts hat, der ist nicht richtig untersucht worden" wirft Neumann ein. Die Männer lachen. Engel hat einen Schnurrbart, trägt Brille und ist gebürtiger Frankfurter. Er und zwei weitere Männer sind die Letzten, die von der ursprünglichen Runde übrig geblieben sind. Einer sei an Krebs gestorben, der andere 2002 in Chile verschollen. Wir machen das auch für die beiden weiter, sagt Engel. Auf den Tellern liegen riesige Koteletts, ohne Beilagen. Die Wände des Wirtshauses sind Holz vertäfelt, Hufeisen hängen daran, in dunklen Regalen stehen Bembel. In der vergangenen Woche war die Drogenszene zu Gast in einem Apfelweinlokal an der Schweizer Straße. Unfassbar unfreundlich sei der Kellner dort gewesen. Das ist gespielte Unfreundlichkeit, vermutet Engel. Neumann widerspricht ihm. Meist trinkt einer der Herren nur Wasser und fährt dann die anderen. Manche trinken auch alle und fahren mit Bus oder Bahn. So auch heute, sagen sie und schenken nach. Außerdem gehen sie gemeinsam wandern, bei den Wochenende Ausflügen dürfen die Ehefrauen mitkommen, bei den längeren sind die Männer unter sich. Engel, mit seinen 58 Jahren der mit Abstand jüngste und der Einzige, dessen Haare noch nicht ergraut sind, organisiert das alles. "Der einzige, der noch arbeitet, hat ja Zeit dafür", kommentiert er das. Später am Abend kommt ein weiteres Stammtischmitglied dazu und bestellt ein Bier. "Früher gab es in den Apfelweinkneipen gar kein Bier", sagt Neumann. Engel erzählt, dass die Männer Weihnachten immer Wichteln. Da gibt es dann zum Beispiel ein Buch. "Oder eben ein Bembelsche."

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Kommentar

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG    SAMSTAG, 7. MÄRZ 2015
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Nicht einsam ist, wer zum Stammtisch geht. Gibt es in einer Großstadt nicht mehr? Gibt es wohl. Sie haben so schöne Namen wie "Gottlosen-Stammtisch", "Frankfurter Drogenszene" oder "Bienen-kisten-Stammtisch". Da sitzen doch nur die, die immer da sitzen? Stimmt auch nicht. Am Stammtisch "Neu in Frankfurt" finden die Anschluss, die noch nicht lange hier sind. Demnächst vielleicht die, die in den Henninger-Turm ziehen.
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